Goodbye, Murri!

 

Traueransprache von Professor Johanna Haberer / Words of Remembrance by Professor Johanna Haberer.


Liebe Freunde von Murri, liebe Gemeinde,

Was für eine Eleganz hatte diese Frau: Zeit ihres Lebens – auch noch mit 80 Jahren. Sie konnte hinken, sie konnte keuchen. Nichts und niemand konnte ihr diese Eleganz nehmen, die mehr war als Schönheit. Ich glaube, diese Eleganz kam aus ihrer Fähigkeit leichthändig durchs Leben zu manövrieren und Menschen wie eine mythische Spinnerin in alten Zeiten miteinander zu verweben.

Die Eleganz wurde sichtbar, wenn sie leichtfüßig – ja trotz ihrer Behinderung leichtfüßig – über das internationale Parkett schwebte und in einem quirligen Portugiesisch oder einem verbindlichen Englisch Menschen unterschiedlicher Nationen und Kulturen zusammenbrachte.

Sie war eine evangelische Christin aus Oberbayern, ähnlich wie Robert Geisendörfer, der sie und ihre Fähigkeiten der Menschenkenntnis und Kommunikation für die evangelische Publizistik entdeckte. Als seine Mitarbeiterin hatte sie ihre schönsten Jahre. Mit ihm stellte sie das Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik in einen internationalen Kontext, im Geist einer evangelischen Kirche, die Deutschland als einen Teil der Welt sah und immer wusste, dass wir nicht der Nabel sind. Die für viele Menschen - auch für mich – Torhüterin wurde für den Schritt in andere Kulturen und andere Farben des Christentums, für den Blick dafür, dass die Christliche Botschaft ein gigantischer Bilderbogen rund um die ganze Welt ist.

Ich sehe sie vor mir in ihrem Zimmerchen in der EIKON, das zu Zeiten als das noch niemanden störte, immer verqualmt war. Am Telefon, ihrem wichtigsten Arbeitsgerät, verbunden mit den Niederlanden und mit Kanada, mit Helsinki, Paris oder Prag. Quer über den eisernen Vorhang, quer über den Atlantik. Ich sehe sie vor mir im Evangelischen Presseverband in der Münchner Birkerstrasse, am Telefon offene Freundlichkeit in der Stimme, wenn sie mit den Redakteuren von ARD und ZDF telefonierte und ihnen eröffnet, wer diesmal den Geisendörferpreis gewonnen hat. Eine Weltbürgerin aus Oberbayern, eine Kosmopolitin mit einem bayerisch-evangelischen Kompass im Herzen.

Der Psalm, den ich über diese Trauerfeier gestellt habe, dieser Psalm 104, er ist ein Lob Gottes und ein Lob der Schöpfung. Aber er spricht inmitten von Lob und Staunen angesichts der wundervollen Schöpfung der Welt, angesichts ihrer Weite und Vielfalt, auch vom Ende: auch von dem Schrecken, den Menschen erfahren. Dazu gehören Unfall und Schmerzen und Tod.

Dort heißt es: Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken die Menschen; nimmst du weg ihren Odem, so vergehen sie und werden wieder Staub. Du sendest aus deinen Odem, so werden sie geschaffen, die Menschen und du machst neu das Antlitz der Erde.

Für die Bibel ist unser Atem die Verbindung zur Welt und zu Gott. Von Gott wird in den ersten Versen unserer Bibel gesagt, dass er uns den Atem gab, in einer Art Kuss. Er haucht uns das Leben ein, mit seiner Vitalität und Schaffenskraft und er lässt uns das Leben wieder aushauchen. Ich glaube niemand wusste besser als Murri in ihren letzten Lebensjahrzehnten wie wichtig dieser Atem ist und wie beängstigend es ist, wenn er nicht fließt oder nicht genügend fließt.

Unser Lungenbläschen, wenn man sie auseinanderbreitet, bedecken eine Fläche von 200 qm. Schon das lässt uns immer wieder über das Wunder der Schöpfung staunen. Bei Murri wurde diese Fläche der Lunge von Jahr zu Jahr kleiner und das Atmen fiel ihr immer schwerer. „Nimmst Du weg ihren Atem so vergehen sie“, das hat unsere Murri über lange Jahre mit jedem Atemzug gespürt.

Aber – und das ist das Wunderbare an ihr, sie hat sich dadurch nicht verbittern lassen. Sie hat – zumindest für ihre Freunde sichtbar – nicht gehadert. Sondern hat ihre heitere Eleganz beibehalten.

Ungebrochen und in ihrem weltzugewandten Kern: unzerstörbar.

Nun hat sie ihren letzten Atemzug getan. Und sie ist zu denen gegangen, die sie geliebt und verloren hat. ... Sie war in ihren Gedanken glasklar bis zum Ende: in ihrer Analyse, ihrer Sympathie und in ihrem Urteil, das auch scharf sein konnte. Und: Sie hat sich innerlich auf ihren Tod vorbereitet. Wann ich mir das das erste Mal dachte? Sie brachte mir zu meinem 60zigsten Geburtstag einen Bellini mit. Das ist ein Cocktail aus Champagner und weißem Pfirsich: wie immer als Erinnerung an die Zeiten, als die evangelische Publizistik nicht in kahlen Räumen tagte und über Bedeutungsverlust klagte, sondern sich international in Harry`s Bar in Venedig traf. Dort trank man Bellini. Für sie stand dieses Getränk für die Lust daran, im Namen Gottes intellektuell weltoffen, poetisch und künstlerisch unterwegs zu sein.

Und an diesem GeburtstagsBellini hing eine kleine Schachtel, darin war eine wunderschöne alte Kette. Die Kette ihrer Mutter. Ein Geschenk. Da wusste ich. Murri hat Ballast abgeworfen, um leicht zu sein für ihre Begegnung mit dem Schöpfer. So wie wir alle glücklich waren, ihr begegnet zu sein, wird der wird sich freuen, sie zu treffen.

Amen.

Tags: Kaleidoscope

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